Geschichte der altrussischen Kampfkunst Systema

In unserer Zeit  ist es sehr modern sich den asiatischen Kampfkünsten, Geisteshaltungen und Philosophien zuzuwenden. Dabei tritt in den Hintergrund, daß auch Europa eine Jahrhunderte alte Tradition in den Kampfkünsten besitzt und unsere christliche Religion und Geisteshaltung großen Einfluß auf die europäischen Kampfkünste ausgeübt hat.

 

Lebendige Tradition

Es gibt in Europa leider nur noch wenige Kampfkünste deren Tradition lebendig geblieben ist. Systema ist eine davon, denn noch heute gibt es Menschen, die diese Kampfkunst von ihren Familienmitgliedern gelernt haben und ihr Leben lang, auch im aktiven Einsatz, ausgeübt haben. Erst seit dem Fall des „eisernen Vorhangs“ ist Systema auch außerhalb der Grenzen der ehemaligen Sowjetunion zugänglich. Es lohnt sich daher etwas über die Historie von Systema zu berichten:

Die Geschichte des Systema - ein kurzer Überblick

Systema ist ein noch junger Name für eine alte Kampfkunst deren Wurzeln bis ins frühe Mittelalter zurückreichen. Erst Ende des 20. Jahrhunderts gab ihr Michail Ryabko, der Patriarch des Systema, der die russische Kampfkunst seit seiner Kindheit praktiziert und das gesamte Wissen geerbt hat, diesen Namen.

 

Die Kosaken

Die Altrussische Kampfkunst entwickelte sich hauptsächlich unter professionellen russischen Kriegern, den Kosaken. Im frühen Mittelalter übernahmen die Kosaken Aufgaben zum Schutz des Landes. Sie dienten als freie Krieger ihren Fürsten, die sie mit allem Nötigen versorgten und sie für ihren Dienst bezahlten. Außerdem übernahm der Fürst den gesamten Unterhalt der Krieger, da es ihnen verboten war, Handwerk oder Landwirtschaft zu betreiben.

 

Die Ausbildung der Kosaken

Die allgemeine Ausbildung eines Kosaken begann in der Kindheit. Seine ersten Ausbilder waren seine Familienangehörigen. Sie lehrten ihm die Kunst des Kampfes mit und ohne Waffen und die Heilkunst, die jeder guter Krieger beherrschen mußte. Die drei wichtigsten Grundsäulen der Altrussischen Kampfkunst waren damals das Ringen, der Faustkampf und der Schwertkampf. Außerdem lernte man das Reiten und Bogenschießen.

Die Ausbildung eines Kosaken zum zukünftigen Krieger der Fürstengarde verlief ähnlich. Die Jungen wurden am Anfang in den Familien trainiert. Wenn sie älter wurden, wurde ihre Ausbildung in einem Kloster fortgesetzt. Warum gerade im Kloster? Die Christlich-orthodoxen Klöster waren im mittelalterlichen Rußland Zentren des gesellschaftlichen und religiösen Lebens und der Infrastruktur des Landes. In Klöstern wurden Bücher geschrieben, Waffen und Rüstungen geschmiedet und die Heilkunde ausgeübt. Die Krieger, die zu alt oder zu krank für den aktiven Dienst waren, zogen sich meist in die Klöster zurück und wurden Mönche. Aber als Patrioten ihres Landes konnten sie ihre unschätzbare Erfahrung der Jugend nicht vorenthalten und übernahmen die Kampfausbildung der Knaben.

 

Militärischer Hintergrund

Anfangs bestand die russische Armee aus der Kosakenreiterei und der Schützeninfanterie. Die Kosaken waren freie Krieger, die sich für den Zarendienst verpflichteten. Die Schützen gehörten jedoch zur regulären Armee und waren ausschließlich dem Zaren unterstellt.

Später wurde die Armee komplett reorganisierte. Man schuf eine Rekrutenarmee, die zum großen Teil nach westlichem Vorbild ausgebildet wurde. Die nun irregulär gewordenen Kosakenstreitkräfte wurden zwar verpflichtet, an allen Kriegen, die das Russische Reich führte, aktiv teilzunehmen, aber sie mußten sich selbst um ihre Ausbildung, Bewaffnung und Ausrüstung kümmern. Der Zarenhof bezahlte die Kosakenheere mit Lebensmitteln, Rohstoffen, Geld und Pulver.

 

Weiterentwicklung der kosakischen Kampfkunst

So war es kein Wunder, daß die Kosaken ihre Kampfkunst trotz der Armeereformen pflegten und weiterentwickelten. Ihr Nachwuchs wurde weiterhin in den Familien ausgebildet. Zum Ringen, Faustkampf, Schwertkampf, Bogenschießen und Reiten kam die Kunst des Schießens hinzu, die die Kosaken meisterlich beherrschten. Ihre Lieblingstaktik war immer noch der blitzschnelle Kavallerieangriff. Dort kam ihre Kunst des Umgangs mit Lanze und Säbel zur vollen Entfaltung.

 

Spezialaufgaben

Eine wichtige Rolle spielten auch ihre Fußsoldaten, die Plastunen. Sie waren Aufklärer, Scharfschützen und Beobachter. Sie spezialisierten sich auf den waffenlosen Nahkampf und den Nahkampf mit blanken Waffen, konnten sich geräuschlos und unbemerkt durch feindliche Stellungen bewegen und Gefangene nehmen.

 

Aufstieg der Kosaken in der Gesellschaft

Nach und nach erkannten die russischen Zaren wie wichtig die Kosakenstreitkräfte für das Land waren. Sie gaben den Kosaken viele neue Privilegien, das Adelsrecht, militärische Dienstgrade und Landbesitz. Die Kosaken hatten die Ehre, die russischen Zaren zu bewachen, und der russische Thronfolger war Oberbefehlshaber der Kosakenheere, obwohl sie eine irreguläre Armee blieben. Anfang des 20. Jh. bekleideten die Kosaken die höchsten und wichtigsten Ämter in der russischen Armee und Marine.

 

Die Oktoberrevolution

Nach der so genannten Oktoberrevolution 1917 gab es drei Faktoren, die die Kommunisten auf ihrem Weg zur Macht in Rußland störten: der Zar, die Russisch-Orthodoxe Kirche und die Kosaken. Das Ziel war, alle drei zu vernichten. Der Zar wurde erschossen, die Kirche verfolgt und in den Untergrund getrieben und die Kosaken fast vollständig vernichtet. Damit schien auch die Altrussische Kampfkunst verloren.

 

Überleben im Sowjetstaat

Die neuen Machthaber erkannten bald, daß der Armee und der Polizei (Miliz) eine wirksame Kampfkunst zur Erfüllung spezieller Aufgaben fehlte. Für die breite Masse der Soldaten und Milizionäre und die meisten Spezialeinheiten kreierte man Sambo - eine Kampfkunst, die aus verschiedenen Ringkampfarten der ehemaligen Sowjetunion entwickelt wurde.

Für besondere Spezialeinheiten verpflichtete man aus den Erbkosaken, die noch am Leben waren, Spezialisten für die Altrussische Kampfkunst. Für sie war es die Chance in einer Zeit zu überleben, in der alle „Elemente des zaristischen Rußlands" vernichtet wurden und zugleich ihr Wissen für die zukünftigen Generationen zu erhalten.

 

Ein neuer Name für die altrussische Kampfkunst

Auf diese Weise überlebte die Altrussische Kampfkunst! Sie bekam einen schlichten, aber gut klingenden Namen „Systema“ (dt. das System) und setzte ihre Geschichte fort. Und jeder der heute Systema trainiert hilft mit diese Tradition zu erhalten und fortzuführen.

 

Warum der Name Systema gewählt wurde lesen Sie hier.

 

(Der Text entstand mit freundlicher Unterstützung von Andreas Weitzel, Systema Akademie Augsburg)

Ethischer Hintergrund

Im Systema vereinigt sich altrussische Kampfkunst mit jahrhunderte alten Erkenntnissen der russischen Heilkunde und der über 1000 - jährigen Tradition der Russisch Orthodoxen Kirche.

 

Systema besitzt damit eine geistige Tradition, die unserem Wertedenken und unserem kulturellen Hintergrund als christlich - abendländisch geprägte Menschen nahe steht.

 

Die bei uns in Europa traditionell verwurzelten christlichen Werte, wie z.B. Liebe zu allen Menschen, Respekt vor dem Mitmenschen, psychische Disziplin (d.h. Ausgeglichenheit, frei sein von Haß und Wut, Geduld haben, Freude empfinden) werden als Bestandteil des Trainings angesehen und praktiziert.

 

Ein Zitat des Gründers und Patriarchen des Systema, Michail Ryabko, vermag die Eigenheit des Systema gut zu beschreiben:

 

" Jeder von uns kommt irgendwann an den Punkt, wo er sich für sein Leben verantworten muß. Dann wird es darauf ankommen, was man mit sich mitgebracht und in seinem Leben gemacht hat, ob man ein wahrer Mensch gewesen ist. Und diese Kampfkunst gibt einem das Gefühl für all diese Dinge."